„Mir ist die Ehre widerfahren …“

Zur Erstaufführung des „Rosenkavalier“ an der Volksoper Wien | Ab 31. Oktober 2021

Das wohl populärste Bühnenwerk von Richard Strauss spielt in Wien. Kaum zu glauben, dass "Der Rosenkavalier", 110 Jahre nach seiner Uraufführung in Dresden, nun erstmals an das „wienerischste“ Opernhaus, die Volksoper, findet.

Der geheime Liebhaber der Feldmarschallin, der Graf Octavian, wird zum Brautwerber ausersehen. Er soll im Namen des ungehobelten Baron Ochs der Sophie Faninal die silberne Rose überreichen. Natürlich verlieben sich die jungen Leute – ein blamierter Ochs, eine resignierende Marschallin und ein verzücktes Liebespaar stehen am Ende einer der ergreifendsten Opern aller Zeiten. 
Hans Graf, der an unserem Hause bereits "Feuersnot" von Richard Strauss dirigiert hat, ist der musikalische Leiter. Ihr Wiener Rollendebüt als Marschallin feiert die amerikanische Sopranistin Jacquelyn Wagner, die an der Volksoper bereits als "Figaro"-Gräfin sowie als Violetta in "La Traviata" zu erleben war. Ebenfalls als Gast gibt Emma Sventelius ihr Hausdebüt in der Rolle des Octavian. Die umfangreiche übrige Besetzung, die sich ausschließlich aus dem Ensemble des Hauses rekrutiert, führt Stefan Cerny mit seinem ersten Baron Ochs an. In der Regie Josef E. Köpplingers, die 2019 an der Oper Bonn Premiere hatte, wird "Der Rosenkavalier" nun als erste Premiere des Werkes in Wien seit Otto Schenks Staatsopern-Inszenierung von 1968 gezeigt. Köpplingers Arbeit wurde von der Kritik einhellig gelobt: Der Abend sei „ganz wunderbar erzählt”, „herzergreifend schön” und, unter Verwendung eines Stückzitats, „wie am Schnürl” gelaufen.

Hier ein Gespräch, das der Regisseur (es ist übrigens seine neunte Inszenierung an unserem Haus) mit Christoph Wagner-Trenkwitz geführt hat.

Es heißt oft, dass "Der Rosenkavalier" nach Salome und Elektra eine Kehrtwende bedeutet, eine Abkehr des Richard Strauss von der Avantgarde. Teilen Sie diese Meinung?

Überhaupt nicht. "Der Rosenkavalier" ist musikalisch weder brav noch altmodisch, und man hat ihn bei der Uraufführung auch inhaltlich als recht skandalös empfunden. Dass Richard Strauss ins Wiener Barock eine Reihe anachronistischer Walzer hineingeschrieben hat, galt damals manchen Kritikern als Kniefall vor der Operette – aber die Meisterwerke haben sich immer gegen die Kritik durchgesetzt! Ich sehe es als gelungenes „Crossover”: So nahe kann große Oper der guten Unterhaltungsmusik kommen. Der Tiefsinn dieses Werkes kann neben dem Komischen durchaus bestehen, Emotion und Ratio werden gleicherweise befriedigt – all das macht eine große Komödie aus.

Ein heikles Thema, gerade bei einer „Komödie für Musik“ (wie der Untertitel lautet): Wie schafft man Textverständlichkeit bei der zum Teil sehr monumentalen Strauss-Musik?

Nicht nur für den Librettisten Hofmannsthal, auch für den Komponisten selbst war die Textverständlichkeit ein zentrales Anliegen. Das wird natürlich ein Thema in der Zusammenarbeit mit dem großartigen Dirigenten Hans Graf sein; ich möchte mit dem Zitat eines Walzer-Zeitgenossen von Richard Strauss antworten: „Man tut, was man kann!”

… das sagt Danilo in "Die lustige Witwe" von Franz Lehár. Auch eine Komödie mit ernsthaften Untertönen, …

Ein tolles Stück, aber "Der Rosenkavalier" ist doch ein anderes Kaliber! Es geht um das Erkennen von Vergänglichkeit. Den Tieren ist das nicht gegeben, nur der Mensch weiß, was Vergänglichkeit bedeutet; und die Wiener, so scheint es, wissen es besonders genau! Mein Bühnenbildner Johannes Leiacker hat das barocke „Vanitas”-Thema sehr gut umgesetzt: das Vergehen und Verblühen, das sich in der titelgebenden Blume zeigt, auch den Blick der Marschallin in den Spiegel, der nicht nur oberflächliche Eitelkeit bedeutet, sondern das Ergründen-Wollen von Vergänglichkeit.

Man könnte einen ganzen Kalender mit zu Herzen und zu Hirn gehenden Zitaten aus Hofmannsthals Libretto füllen. Reift man auch als Regisseur mit diesem Werk? Das will ich meinen! Der Untertitel könnte lauten wie der Titel von Joachim Fuchsbergers Autobiographie: „Altwerden ist nichts für Feiglinge”.

Das allein gibt zu denken! Andererseits ist "Der Rosenkavalier" eine pralle, sehr temporeiche Spieloper, die den Sängerinnen und Sängern alles abverlangt. Statische Momente wie die Rosenüberreichung sind in der Minderzahl. Gerade der Ochs ist eine Monsterpartie, da kann die Volksoper glücklich sein, einen kraftstrotzenden jungen Bass wie Stefan Cerny im Ensemble zu haben. Aber auch alle anderen großen und kleineren Rollen, sind hier wunderbar besetzt, ich freue mich auf die Arbeit.

Richard Strauss selbst hat angemerkt, dass die Marschallin nicht zu süßlich-sentimental dargestellt werden darf, sondern dass sie, ganz wienerisch, ein lachendes und ein weinendes Auge hat.

Ganz klar, sie ist keine alte Frau, die da einen Abschied vom Leben zelebriert. Octavian ist nicht ihr erster und nicht ihr letzter Liebhaber, aber diesmal tut die Trennung vielleicht besonders weh. Wir sehen ja Seitensprüngen gerne zu, aber wehe, wenn es uns selbst betrifft!

Welche „neuen“ Akzente kann der Regisseur in diesem wohlbekannten Klassiker überhaupt setzen?

"Der Rosenkavalier" gehörte immer zu meinen Top 5 und ich habe großen Respekt davor. Man muss das Werk nicht neu erfinden, aber sehr genau hinsehen und -hören. Zum Beispiel die Figur des Leopold: Das „Kind meiner Laune”, das Ochs mit sich führt, muss durchinszeniert werden; und was hat das Taschentuch, das der kleine Mohammed am Ende den Liebenden nachträgt, für eine Geschichte? Diesen und anderen Details spüre ich gerne nach.

Die MeToo-Bewegung hat die Opernwelt längst erreicht; wieviel kann, darf oder muss man zeigen, gerade wenn es um die Annäherungsversuche des Ochs geht?

Ochs auf Lerchenau ist ein übergriffiger Mistkerl, das zeigen wir auch. Und dass er seine sympathischen Seiten hat, macht die Sache leider nur noch realistischer! Wir spielen Komödie ja in erster Linie nicht mit den Tugenden, sondern mit den Schwächen der Menschen – und "Der Rosenkavalier" ist kein Bühnenweihfestspiel, sondern eben eine Spieloper!

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